lange nicht gehört #58: VGM: jazz.

Videospiele & Jazz.

Was auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort zusammengehört, agiert bei genauerer Betrachtung überraschend nah beisammen: Jazz und digitale Games, die beiden Hobbys, die mein Leben wie sonst nichts (er)füllen und mich beschäftigen.

Jazz, gerade in seiner freieren Spielart, lotet mit Improvisation, Wiederholung und viel Individualisierung im Stil immer wieder neu aus, was das gespielte Stück bedeutet und wie weit das Musikgenre geht. Das steht für mich sinnbildlich für den Fluss, in dem sich Kunst und Kunstbetrachtung bewegen und der durch Rezipienten immer wieder neu verhandelt wird.

Vorneweg: Das digitale Spiel ist nach meiner Lesart sehr viel näher an der Performance-Kunst als am oft zitierten Film. Die grafische, inhaltliche sowie stilistische Anbiederung an Hollywood und den Film generell stellt für mich geradezu einen der Kardinalfehler des modernen Computer- und Videospiels dar.
Videospiele, als inhärent offene Kunstform – sprich als Werke, die erst durch ihr Rezipieren erfassbar werden, also tatsächlich erst im Spielen überhaupt in Erscheinung treten (zuvor sind sie lediglich unsichtbare Nullen und Einsen in einem digitalen Speicher) – spiegeln in meinen Augen vieles aus dem Musikgenre Jazz wider: Analog zu den Musizierenden im Jazz, die in der Improvisation eines Stücks diesem eine neue Gestalt geben, formen auch die Spielenden eines Videospiels eben dieses Spiel und dessen Erleben mit jedem Durchgang erneut.
Dazu der Philosoph Daniel Martin Feige: „Der Witz von Computerspielen als Kunstwerken besteht darin, dass sich der Spieler im Spielen dieser Computerspiele selbst durchspielt.

Die Werke, das Jazzstück auf der einen und das Videospiel auf der anderen Seite, bleiben im Fluss. Ihr Erleben wird mit jedem Durchgang neu gedacht, und ihr Sein – was bedeutet es, dieses Lied bzw. dieses Spiel zu sein – wird mit jeder Improvisation bzw. jedem Durchspielen neu verhandelt.
Es mag nicht offensichtlich sein, doch die Art, wie Jazz und Videospiele sich uns in ihrer jeweiligen Form eröffnen, ist, wie ich hoffentlich zeigen konnte, erstaunlich ähnlich.


Um nun zur Sendung zu kommen: Außergewöhnlich deutlich wird diese Nähe bei Ape Out. Einem Spiel in der Top-Down-Perspektive und in grafischer Anlehnung an Actionfilmplakate der 70er, in dem es gilt, einen Gorilla aus einem Zoo ausbrechen zu lassen. Die komplette Soundkulisse des Spiels wird dynamisch aus den Bewegungen des Affen erzeugt, den die Spielenden steuern. Jeder Schritt, Schlag, Sprung steht dabei für einen bestimmten Ton eines Schlagzeugs. Infolge des Gameplays entsteht so ein individueller Solo-Drums-Soundtrack. Jedes Mal ein Unikat. Die vorliegende Aufnahme für Vinyl entstand durch einen kompletten Durchlauf des Spiels durch den Entwickler. Vielleicht der außergewöhnlichste Soundtrack in meiner Sammlung …

Abseits davon behandelt die Sendung vorwiegend Spiele, die „lediglich“ aus einer ästhetischen Entscheidung heraus einen Jazz-Soundtrack haben; Ein quasi rein zufälliges Zusammentreffen von Musikgenre und Videospiel und nicht Jazz durch Spiel.
Überraschend viel Platz eingenommen hat dabei Jazz Noir; Die Rauchschwaden verhangene Lounge-Musik des Krimis seit den 40ern. Ein Untergenre des Jazz, das mich, losgelöst vom angehängten Krimi, gar nicht mal so sehr berührt. Noir naja? Aber ach, wie mag ich wohl das Whodunit

In den skurrilen Spielen Moon und Hypnospace Outlaw wiederum, finden sich ganze Alben fiktiver (Jazz-) Bands, die von den Spielenden entdeckt (und gehört!) werden wollen.

Gerahmt ist die Sendung mit Jazz-Interpretationen von Zelda-Soundtracks. In „klassischerer“ Instrumentierung erscheinen die Kompositionen seltsam vertraut und doch ganz anders, als sie gerade im Piepsen der Chips der alten Konsolen in Erinnerung sind.


Denen, die die Gedanken vom Anfang angeregt haben, empfehle ich noch zwei Bücher des Professors für Philosophie und Ästhetik Daniel Martin Feige, erschienen beide bei Suhrkamp:
Philosophie des Jazz.
Computerspiele. Eine Ästhetik.

Sendedatum: 03/12/2025 19:00 - 03/12/2025 20:00

Sendung: lange nicht gehört.

Tags: DJ-Set Jazz Soundtrack

Tracklist:
The Legend of Zelda: Ocarina of Time [Zelda & Jazz]
The Legend of Zelda: Breath of the Wild [The Z-Suits]
Hypnospace Outlaw [Klyfta]
Moon: Anti-RPG
Genesis Noir
Ape Out
Sam & Max: Save the World
Grim Fandango
To Hell With The Ugly
Frog Detective
Later Alligator
L.A. Noire
Arcadian Atlas
Botanicula
Katamari Damacy
The Legend of Zelda: Breath of the Wild [Zelda & Jazz]